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R.O.M.
Regionalgeschichte des Oberen Mittelrheintals
von Prof. Dr. Dieter Kramer

St. Goar 1840-1843 - Ein Musenhof und eine Männerfreundschaft über politische Gräben hinweg

St. Goar, Ferdinand Freiligrath, Karl Heuberger, Oberwesel, Assmannshausen, Friedrich Wilhelm IV., Friedrich Schiller, Karl Marx, Robert Blum, Georg Forster, Gemeinwohl6 min read

Ferdinand Freiligrath (1810-1882), bekannt als politischer Lyriker des Deutschen „Vormärz“, schrieb schon Jahre vor der Märzrevolution von 1848 als 15jähriger ein soziales Drama zu den schlesischen Webern, dann „Wüsten- und Löwenpoesie“ mit exotischen Themen.
Die Konflikte des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen mit dem demokratisch gewählten Landtag politisierten ihn.
1842 zieht er für mehr als zwei Jahre nach St. Goar.
Durchreisende Literaten besuchen ihn, und es entsteht eine Art Musenhof, viel kleiner als der im klassischen Weimar, aber durchaus bemerkenswert.
Ich weiss nicht, was der kulturelle Arbeitskreis Mittelrhein „Die Treidler“ in St Goar schon alles über diese Begegnungen berichtet hat. ( Zur Website der Treidler)
Aber mir ist kürzlich eine Broschüre von 1948 in die Hände gefallen, die mich auf zweierlei besonders interessante Aspekte aufmerksam gemacht hat:
Erstens dieses lebendige kulturelle Klima, das da in St. Goar 1842 entstand, und zweitens die Freundschaft des „staatstragenden“ preußischen Landrats Karl Heuberger mit dem demokratisch-revolutionären Dichter Ferdinand Freiligrath. (1)

Vermutlich hat Freiligrath, der schon als Schriftsteller bekannt war, zahlreiche Kolleginnen und Kollegen angezogen, die auf der Rheinschiene bequem per Dampfer reisen konnten.
Der Maler William Turner hat das wenige Jahre vorher vorgemacht, ebenso Victor Hugo mit seinen drei Rheinreisen 1838-1840.

In einem Gutachten über Freiligrath, das Landrat Heuberger auf Bitten der preußischen Verwaltung im Februar 1845 schreibt, heißt es:
„Im Jahre 1842 kam er nach St. Goar, wo er im Jahre zuvor, auf der Durchreise, die Bekanntschaft des gehorsamst Unterzeichneten gemacht hatte. Er beabsichtigte anfangs nur einen Sommeraufenthalt, da es ihm aber hier gefiel, so richtete er sich häuslich ein und blieb bis zum Mai v.J. 1844 .“(S. 63) (2)

Bei Freiligrath und Heuberger war der nordamerikanische Dichter Longfellow (1807-1882) zu Gast, ferner viele deutschsprachige Autorinnen und Autoren wie Emanuel Geibel, Hoffmann von Fallersleben, Levin Schücking, Louise von Gall, Gottfried Kinkel, Karl Simrock, Willibald Alexis, Berthold Auerbach, Hans Christian Andersen, Justinus Kerner, Moritz Saphir, Moritz Carrière, der Goethe-Vertraute Kanzler Müller aus Weimar.
Heuberger scheint eine aktive Rolle bei diesen „Salons“ der Schriftsteller gespielt zu haben; Freiligrath erinnert ihn am 17.11. 1842 daran, dass Longfellow auch seinetwegen nach St. Goar kommt. (S. 22) Über die damaligen „Leseabende“ schreibt Heuberger an 3. Februar 1845 an Longfellow:
„Besonders im Winter 1843/44 war fast kein Tag, der uns nicht zusammen sah und nach den Leseabenden sehnte man sich die ganze Woche.“ ( (S. 57))
Es gab weltoffenen Gedankenaustausch, aber auch Feste. In Oberwesel weiss man von dem Wirtshaus „Zum Pfropfenzieher“, dass sich dort in den 1840er Jahren die Schriftsteller trafen, in St. Goar war es die (nicht mehr existierende) „Lilie“.

An den 1845 aus Furcht vor der Polizei bereits nach Brüssel umgezogenen Freiligrath berichtet „ihr getreuer Landmann Heuberger“ am 23.2.1846 über das Festleben:
„Gestern Abend war große Maskerade im Casino, auf welcher ich 10mal getanzt. Lili, die Peruanerin, Mathilde und Dreibeinchen, die Köhlerinnen (deren Kohlen köstliche Fastnachtskribbeln) und Adelheid Iduna haben sich herrlich amusirt. Morgen ist wieder Ball.“ (S. 104/105 –es geht wohl um seine Töchter)
Später lobt Frau Freiligrath St. Goar und schreibt aus Brüssel (wo sie Karl Marx kennenlernen):
„Wir müssen aufs Land, in eine schöne Gegend. St. Goar hat uns zu sehr verwöhnt, wir können es in einer großen Stadt und in einer öden Umgegend nicht mehr aushalten.“ (S. 59)

Zu dem „geselligen Kreis im Hause des Hrn. Landraths“ gehörten, vermutet Freiligrath, fast alle Einwohner von St. Goar. (S. 106) Wie weit wirklich „fast alle“ Einwohner einbegriffen waren, muss man sich fragen, wenn man die – allerdings aus der vorpreußischen, noch hessen-katzenelnbogenschen Zeit stammende - Bemerkung des Rheinreisenden Georg Forster 1790 ernst nimmt: „Wir lächelten, als zu Bacharach ein Invalide sich an unsere Jacht rudern ließ, um auf diese Manier zu betteln; es war aber entweder noch lächerlicher oder, wenn man eben in einer ernsthaften Stimmung ist, empörender, daß zu St. Goar ein Armenvogt, noch ehe wir ausstiegen, mit einer Sparbüchse an das Schiff trat und sie uns hinhielt, wobei er uns benachrichtigte, das Straßenbetteln sei zugunsten der Reisenden von der Obrigkeit wegen verboten.“ (Ansichten vom Niederrhein, 1790, Ausgabe von 1983 S. 21/22) Freiligrath leiht Geld bei Heuberger, der wird deswegen gelobt:
„Sie sind in der Tat nicht nur ein St. Ursulus, sondern auch ein St. Martinus, der, wie es u.a. auch auf einem der neu entdeckten Freskobilder in der Kirche zu Oberwesel zu schauen ist, seinen Mantel bereitwillig mit den Armen theilt.“ (Freiligrath am 17. Oktober 1843, S. 30) (Wer mit St. Ursulus gemein ist, weiß ich nicht, ich kenne nur die in Köln verehrte St. Ursula) Und er schreibt spottend. „Wozu sind auch eigentlich die Schulden in der Welt, als daß man sie macht? Es wäre schade, wenn sie ausstürben. Und ich thue gern das Meinige dazu, um die Art zu erhalten.“ (1843, S. 29/30) Er verspricht immer wieder zurückzuzahlen und tat dies wohl auch mindestens teilweise. In St. Goar radikalisiert sich Freiligrath als linksliberaler, demokratischer Schriftsteller.
Im Mai 1844 zieht er sich für ein paar Wochen nach Assmannshausen zurück und vollendet dort fern vom preußischen Gebiet seine radikaldemokratische Gedichtsammlung „Glaubensbekenntnis“.
Landrat Heuberger, Honoratior und preußischer Staatsbeamter, versucht Freiligrath zu „entradikalisieren“. (S. 13, Richard Drews im Vorwort)
Mitte 1843 schreibt er an Longfellow, Freiligrath dichte „Sonette politischen Inhalts… Politik ist aber nicht unseres Freundes Stärke; er ist dafür zu viel beschaulicher Dichter und es fehlt ihm an einer entschiedenen Meinung.“ (S. 27)
Zum Leidwesen von Heuberger ändert sich das.
In dem 1844 im Mainzer Zabern-Verlag erschienenen Gedichtband „Ein Glaubensbekenntnis“ stellt er sich erstmals offen gegen die preußische Verwaltung, Zensur und Justiz.

„Fest und unerschütterlich trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust der Reaktion entgegenstemmen! Kein Leben mehr für mich ohne Freiheit.“ (Einleitung)

Freiligrath verzichtete mit Erscheinen dieses Bandes auf ein Ehrengehalt von 300 Talern, das Friedrich Wilhelm IV. ihm zuvor bewilligt hatte. 1846 geht er nach London, in der 1848er Revolution warnt er vor der hereinbrechenden Reaktion, kommt ins Gefängnis und wird seit 8. Oktober 1848 auf Einladung von Karl Marx Mitarbeiter an der linksradikal-demokratischen, 1849 verbotenen „Neuen Rheinischen Zeitung“. Heuberger schreibt in dem von ihm erbetenen Gutachten:
Es „werden meine hohen Vorgesetzten mir zutrauen, daß ich in meinem freundschaftlichen Verkehr mit Freiligrath redlich bemüht war, ihn von der gefährlichen Richtung, in welche er zu verfallen schien, möglichst abzulenken.“ (S. 66) Hoffmann von Fallersleben, vermutet er, hat ihn beeinflusst. Er hoffe, dass Freiligrath wieder zu „echter Dichtkunst“ zurückfinde, statt „versifizirte Zeitungsartikel“ zu schreiben. „Es wäre traurig, sollte ein solches Talent im Auslande verkommen, wie Heine und andere.“ (S. 69) Er vermute, dass er sich nicht an Intrigen und Umtrieben beteiligen werde, auch sei er „viel zu wenig Redner, um als solcher je glänzen zu können.“ (70)

Heuberger hat mit seiner unerschütterlichen Freundschaft zu dem „Staatsfeind“, an dessen Uneinsichtigkeit er zu verzweifeln schien, dafür gesorgt hat, dass demokratisches Denken eine Chance behielt.

Was die „gekrönten Häupter“ dieser Zeit vor 1848 als nicht der Demokratie verpflichtete „Fürsten von Gottes Gnaden“ mit nicht gehaltenen Versprechen, niederträchtigen Bespitzelungen, Ausweisungen und „Demagogenverfolgungen“, verbunden mit der Zerstörung von Lebensperspektiven seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819, alles angerichtet haben, ganz abgesehen von der moralischen Verderbtheit vieler von ihnen, daran erinnert Freiligrath in seinen Gedichten.

Als Vertreter der Ordnung wirft Heuberger Freiligrath „Dominikaner-Fanatismus der Inquisitionszeit“ vor und gibt zu bedenken:

„Gesetzt, die Pläne von Marx, Heinzen und - - (!!!)Freiligrath gelängen: alles Bestehende in Kirche, Staat und Familie ginge in Trümmer, und das Volk erhöbe aus Brand und Blut sieghaft sein Haupt‘. – was dann weiter? Was hat Eure Weisheit an die Stelle zu setzen? Glaubt Ihr, daß der blutgierige Tiger, wenn es keine Feinde mehr zu würgen gibt, gesättigt sein, daß er nicht auch seine Treiber, die ja doch auch wenigstens geistig höher stehn und bemittelter sind, herabreißen und zerfleischen werde?“ (122/123)

Das ist die Skepsis, die Schiller in der „Glocke“ formuliert hat (und nicht umsonst wurde dieses „Langgedicht“ in den Schulen so lange zum Auswendiglernen aufgegeben, dass meine Mutter die entsprechenden revolutionskritischen Verse noch in den 1960er Jahren mir bei gegebenem Anlaß zitieren konnte).

Aber wir bedenken heute: Wenn Heuberger seinem preußisch-hohenzollernschen gekrönten Haupt genauso ins Gewissen geredet hätte (hätten können), wären die Gewaltorgien gegen die Verteidiger der Demokratie bei der Niederschlagung der 1848er Revolution zum Beispiel gegen die Reichsverfassungskampagne (in einem Blog wird berichtet über die Truppendurchmärsche in Bacharach zu dieser Zeit) vermieden worden.
Die – heute würde man sagen völkerrechtswidrige – Erschießung des Parlamentärs Robert Blum ist nur einer der Höhepunkte.

So aber befand Heuberger sich in einem tragischen Konflikt.
Zahllose politische Flüchtlinge gingen nach 1848/49 in die USA, wurden dort besser aufgenommen als die vor Gewalt und Unfreiheit fliehenden syrischen Flüchtlinge des 21. Jahrhunderts, hatte dort ihre Chancen (wie Gottfried Kinkel, der dort Politiker wurde).

Auch den Radikalen von 1848 war trotz aller Revolutionsrhetorik klar, dass die Reaktion durch militärische Gewalt und Terror den Übergang in eine demokratische Gesellschaft verhindern würden, wenn er nicht, wie Karl Marx in seiner Amsterdamer Rede 1872 es für möglich gehalten hat, auf demokratischem Wege realisiert wird.

Heuberger hat, schreibt er am 8. Februar 1847 an Freiligrath: Obwohl er damit seine eigene Position und Karriere gefährdete, habe er sich „öffentlich zu unserer Freundschaft bekannt“ (S. 123).

„Männer von politischer oder religiöser Stimmungsverschiedenheit können deshalb doch Freunde sein.“
Und Freiligrath selbst schreibt schon am 23.2.1846:

„Wer selbst ehrenhafter Gesinnung fähig, der wird es gewiß nur ehren, daß, nachdem unsere politischen Ansichten entschieden auseinandergingen und wir, wie Männer, offen und rückhaltlos und zuweilen scharf und derb uns gegeneinander ausgesprochen haben, dies doch unseren, aus gegenseitiger Achtung entsprungenen freundschaftlichen Beziehungen keinen Eintrag that. So sollte es allgemein sein. Der Sache Feind, des Mannes Freund!“ (S. 108)

Die Korrespondenz von Freiligrath mit Heuberger endet 1847.

Die Revolution schafft 1848 neue Verhältnisse.

Aber am 27.10. 1875 gratuliert Freiligrath seinem immer noch „alten Freund“ Heuberger zum 75. Geburtstag.

Ich will ja nicht moralisieren, aber die Vergleiche drängen sich auf:

Die einen bestehen auf rücksichtsloser Nutzung aller Vorteile für den eigenen Egoismus oder für „Wachstum“ und „Fortschritt“, ohne an Verzicht, ohne an „Gemeinwohl“ zu denken. Ins Gewissen reden andere, so Fridays for future in Zeiten, in denen die demoralisierten Eliten Klimawandel leugnen, die Vergiftung der Umwelt erlauben und sich dann wundern, wenn es militante Aktionen dagegen gibt. Aber es gibt auch lebendige kulturelle Milieus der Begegnung, in denen Zukunft vorbereitet wird.

Dieter Kramer kramer.doerscheid@web.de Mittwoch, 23. Dezember 2020


* In Zitaten wird die alte Orthographie übernommen

1. (Freiligrath am Scheideweg. Briefe Polemiken Dokumente. Berlin W 8: Alfred Kantorowicz Verlag GmbH o.J. Veröffentlicht unter Lizenz Nr. 433 der SMA ,Sowjetischen Militär-Administration, Genehmigungs- Nr. 31312/48-3665/48 (Ost und West-Reihe. Herausgegeben von Maximilian Scheer und Alfred Kantorowicz. Band 1. 128, S. Vorwort Richard Drews., vgl. Januar-Heft 1948 der Zeitschrift Ost und West.)

(2) Die Seitenzahlen beziehen sich auf das genannte Buch von 1948.)
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