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R.O.M.
Regionalgeschichte des Oberen Mittelrheintals
von Prof. Dr. Dieter Kramer

Die Zukunft unserer Dörfer

Zukunft unserer Dörfer, Landleben, Zuwanderer, Klima, Umwelt, Loreley3 min read

Die Zukunft unserer Dörfer

Es gab Zeiten, in denen Schulen und (in protestantischen Gegenden) Pfarrhäuser die wichtigsten kulturellen und sozialen Institutionen in unseren Dörfern waren – neben den Wirtshäusern, den Freiwilligen Feuerwehren, Gesang- und Sportvereinen. Manche Pfarrhäuser zeugen noch von dieser Bedeutung.

Vieles hat dazu beigetragen, dass dies nicht mehr so ist. Dass immer mehr schwere Autos in den Dörfern auftauchen, hängt vielleicht nicht nur damit zusammen, dass ihre Anschaffung von der Politik begünstigt wird, sondern ist auch ein Zeichen dafür, dass die Mittel für die Flucht aus den Dörfern hoch gewertet werden (nicht erst seit Corona-Zeiten).
Zuwanderer, die angezogen werden von den vermeintlichen Vorteilen des Landlebens, haben den Eindruck, die Bausubstanz in den Dörfern sei vernachlässigt und strahle Armut aus, obwohl es wirkliche Armut eher seltener gibt.
Die äußerlich sichtbare Vernachlässigung der Bausubstanz hängt eher damit zusammen, dass viele Gebäude nicht mehr genutzt werden, weil sie für die Landwirtschaft nicht mehr gebraucht werden, viele der Jüngeren in den Neubaugebieten am Rande der Dörfer gebaut haben oder abgewandert sind.
Und wenn das sozialkulturelle Leben im Dorf ärmlich erscheint, dann hat das mehrere Gründe: Woher sollen denn auch die Anregungen kommen?
Allein das Fernsehen bringt es nicht, denn übernommen werden kulturelle Anregungen meist nur von Personen aus dem vertrauten Umfeld. Und man vergißt, dass Schullehrer, Pfarrer oder lokale Politiker nicht mehr ständig im Dorf präsent sind (Don Camillo und Peppone, die italienischen dörflichen Rivalen von einst, gab es hier ohnehin kaum). Zuwanderer geben sich selten die Mühe, die lokalen Qualitäten zur Kenntnis zu nehmen:
Das soziale Leben, die handwerklichen Leistungen (Fachwerkbauten der heimischen Zimmerer, Trockenmauern, „gestickte Wege“, kunstvolle Schieferverkleidungen der Häuser) zählen ebenso dazu wie die Bläservereinigungen oder Gesangvereine.
Den lokalen sprachlichen (mundartlichen, erzählerischen) Reichtum lernt man erst kennen, wenn man sich die Zeit nimmt, geduldig mit den Bewohnern zu verkehren. Schick renovierte alte Fachwerkhäuser gehören oft Zuwanderern aus der Stadt. Die aber tragen zum sozialkulturellen Leben eher wenig bei.
Wenn sie als „Kulturmissionare“ zur ästhetisch-kulturellen Aufrüstung beitragen wollen, vergessen sie leicht, dass es eine ganze Zeit braucht, bis man vertrauensvolle Kommunikation bekommt. Auch Pfarrern und Lehrern gelang das nicht immer auf Anhieb: „Pfarrers Töchter und Lehrers Küh gedeihen selten oder nie“ war in unseren Dörfern früher ein gern zitierter Spott. Aber gerade in diesen Dörfern waren manche der protestantischen Pfarrer auch als Mitglieder der „Bekennenden Kirche“ ein Hort der Opposition gegen die Nationalsozialisten. Die Dörfer und die Region wandeln sich ohnehin.

Wieviel hat sie sich in den letzten 50, 60 Jahren geändert? Und wie wird der kommende Wandel sich auf unsere Dörfer auswirken?

Nicht nur die Zeugen Jehovas, abhängig von ihrer globalen Leitung mit Sitz in New York, verkünden: Das Ende ist nahe. Die Weltuntergangsuhr zählt bei manchen auch in Sekunden, und mit Blick auf Klima und Umwelt gibt es wenig Optimismus.
Mit Blick auf die globalen Daten zu Klimaentwicklung, Artensterben, Weltfinanzsystem, Rüstungen, zur nationalen und globalen Kluft zwischen Reich und Arm spricht der Hamburger Soziologe Sighard Neckel 2021 in den Blättern für deutsche und internationale Politik von dem möglichem gleichzeitigen Zusammenbruch der „ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Systeme“ in einer „Katastrophenzeit“.
Die „Jetztzeit“ des Anthropozän**, in dem das Schicksal der Erde von den Menschen verantwortet wird, ist ein „globaler Umbruch“ mit widerspruchsvollen Signalen:
Es „ist nicht zuletzt der Fortbestand der weltweiten Ungleichheiten und der extremen Unterschiede im Lebensstandard …, der die globalen CO2-Emissionen eindämmt und die Erderwärmung begrenzt“, denn die vielen Armen verbrauchen immer noch weniger als die Reichen. Aber sie werden sich nicht mit ihrer Benachteiligung zufriedengeben.
„Ein Wachstum wiederum, das Umverteilung erlaubte und die globalen Ungleichheiten deutlich verringerte, wäre für den Planeten ruinös und brächte das Erdsystem noch näher an die Gefahr eines Kollapses heran.“ (Neckel) Zwei Strategien für eine Lösung sieht Neckel: „Modernisierung“ und „Kontrolle“: Das Erste wäre ein „Green New Deal“ mit Markt und Wettbewerb, verbunden mit einem neuen Fortschrittsoptimismus bis hin zur Hoffnung auf Wasserstofftechnologie mit hohem Energiebedarf und „Geoengineering“ (dem menschlichen Eingriff in die Klimaentwicklung etwa durch Beeinflussung der Weltmeere): Eine Wachstumsstrategie mit höchst unsicherem Erfolg.
Oder zweitens eine „Kontrollstrategie“: Wenn Schocks und Katastrophen nicht mehr zu vermeiden sind, geht es um Katastrophen-Management – Programme, um „Schäden in privilegierten Regionen und Sozialgruppen möglichst klein zu halten“.
Dann wird „Eingrenzung und nicht mehr Verhinderung von Katastrophen“ das politische Ziel.
Sortiert, getrennt und gestaffelt wird nach Systemrelevanz, Sozialstatus und politischem Einfluss.

„Globalen Führungsschichten kann es auf diese Weise gelingen, sich in geschützte Enklaven zurückzuziehen, während vulnerable (verletzliche) Bevölkerungen zunehmend ökologischen Gefährdungslagen ausgesetzt sind und ökologische Risiken soweit wie möglich dorthin externalisiert werden, wo man sich dagegen nicht wehren kann.“ (57)

Nicht privilegierte (nicht „systemrelevante“) Bevölkerungen werden „allenfalls zum Objekt von Strategien zur gesamtgesellschaftlichen Resilienzsteigerung werden“: Die sollen ihre „Resilienz“ steigern, nämlich sich abmühen, auch in Krisen zu überleben. Das kann man freilich in ländlichen Regionen vielleicht am besten, denn dort kann man Elemente von „Subsistenz“, den Rückgriff auf Ansätze von Eigenversorgung und Naturalwirtschaft am ehesten realisieren (vorausgesetzt Böden und Grundwasser sind nicht durch extensive Nutzung vergiftet und zerstört).

Was tun? Sighard Neckel fällt auch nichts Neues ein: „Notwendig sind ein grundlegender Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft und eine Veränderung unserer Naturverhältnisse“.

Das dauert, wenn es überhaupt gelingt, und in der Zwischenzeit können die Menschen in den Dörfern und Regionen ihre eigene Lebensweise schon in Richtung auf mehr Resilienz entwickeln. Sie werden so irgendwann den Besitzenden und Privilegierten gegenüber im Vorteil sein. Dann werden sie sich dagegen wehren müssen, dass Teile der Region zu „geschützten Enklaven“ für die Privilegierten und „Systemrelevanten“ werden – wie das Loreley-Luxus-Hotel im Welterbe Mitteilrheintal.

© Dieter Kramer kramer.doerscheid@web.de 03.02.2021

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